Nähen für mich

Hohlkreuz-Anpassung für Schnittmuster ohne Taillen- oder Rückennaht

Ich habe ein ziemlich ausgeprägtes Hohlkreuz. Und das führt häufig dazu, dass mir Shirts und Kleider nicht richtig passen, weil sich im Rücken viel zu viel Stoff „sammelt“. Bei meiner Suche nach möglichen Schnittmuster-Anpassungen für das Problem bin ich auf eine Menge Methoden gestoßen, die man anwenden kann, wenn das Schnittmuster eine Taillen- oder eine Mittelnaht im Rücken hat. Aber nichts für Rückenteile ohne Naht – außer natürlich, man fügt eine Naht ein, aber das sieht ja nun nicht immer hübsch aus. Per Zufall bin ich dann irgendwann auf die Tutorials von Pattern Scissors Cloth und Inhouse Patterns gestoßen, die sich genau mit diesem Problem befassen. Ich habe beide Methoden miteinander kombiniert, und das Ergebnis ist toll! Ihr könnt den Unterschied bei meinem Molly Shirt im Titelbild sehen – links ohne Anpassung, rechts mit Anpassung (den Post zum Molly Shirt findet ihr hier). Für diejenigen unter Euch, die sich ebenfalls mit einem Hohlkreuz herumplagen, habe ich meine Arbeits-Schritte in einem Mini-Tutorial zusammengefasst – here goes!

Schritt 1: Rückenteil des Schnittmusters auf Taillenhöhe aufschneiden

Wenn man ein Hohlkreuz hat, ist die Rückenlänge kürzer als bei Personen ohne Hohlkreuz. Um das „Stoffsammelbecken“ am Rücken zu vermeiden, muss man also die Rücklänge kürzen, und zwar auf der Höhe, auf der sich die Kurve im Rücken befindet. Ich benutze dafür am liebsten die Taillenlinie. Im ersten Schritt zeichnen wir also eine waagrechte Linie (90-Grad-Winkel zur Mittel-/Bruchlinie) und schneiden das Schnittmuster entlang dieser Linie auf. Achtung: Nicht ganz durchschneiden, sondern ganz knapp vor der Seitennaht stoppen, so dass das Papier an dieser Stelle noch ganz leicht zusammenhält. (Lasst Euch von den doppelten Papierlagen auf meinen Bildern nicht verwirren – ich hatte vorher schon die Gesamtlänge des Schnittmusters an derselben Stelle gekürzt, daher überlappt sich da einiges)

 

Schritt 2: Länge der Kürzung festlegen und Linie einzeichnen

Im nächsten Schritt legen wir fest, wie stark das Rückenteil gekürzt werden muss (kann man logischerweise auch als erstes machen). Ich bin dabei wie folgt vorgegangen: Ich habe mein Shirt angezogen und habe mir von meinem Mann eine Art waagrechten Abnäher stecken lassen, bis das Shirt gut saß. Diesen Abnäher habe ich dann abgemessen – bei mir waren es 3cm, ich muss also 3cm aus der Rückenlänge heraus nehmen. Demnach habe ich von der Schnittlinie entlang der hinteren Mitte 3cm abgemessen und eine Linie gezeichnet.

 

Schritt 3: Rückenlänge durch Überlappen des Schnittmusters kürzen

Auf Basis dieser Markierung kann ich jetzt die Rückenlänge kürzen. Das mache ich, indem ich das untere Teil des Schnittmusters vorsichtig nach oben schiebe, und zwar bis zu dem Punkt, den ich oberhalb der Schnittlinie markiert habe (bei mir sind es die 3cm). Aber Achtung: Ich schiebe nicht das ganze Teil parallel nach oben, sondern überlappe nur die Punkte an der hinteren Mitte um 3cm. Das Schnittmuster hält an der Seitennaht noch zusammen und bleibt in der ursprünglichen Länge, so dass sich nun eine schräge „Überlappungskante“ ergibt.

 

Schritt 4: Neue hintere Mitte einzeichnen

Dadurch, dass ich das untere Schnittmusterteil schräg zum oberen geschoben habe, entsteht eine geknickte hintere Mitte. Das ist aber genau das, was ich bei einem im Bruch zu schneidenden Schnittmuster nicht gebrauchen kann. Denn da muss die hintere Mitte ja gerade sein, damit ich sie genau am Stoffbruch ausrichten kann. Also zeichne ich mir eine neue, gerade hintere Mitte, indem ich den Ausschnittpunkt mit dem Saumpunkt verbinde und eine gerade Linie ziehe.

Schritt 5: Weitenanpassung zur Korrektur der neuen hinteren Mitte

Man sieht es auf dem oberen Foto ganz gut: Wenn ich jetzt keine weitere Änderung mehr machen würde, hätte ich das Schnittmuster durch das Einzeichnen der neuen hinteren Mitte an der Taille breiter gemacht. Aber das möchte ich ja nicht, weil mir die Weite vorher ganz gut gepasst hat. Im nächsten Schritt messe ich also aus, um wieviel die neue hintere Mitte das Schnittmuster verbreitert, indem ich am linken Überlappungspunkt (an der hinteren Mitte) den Abstand zwischen Original-Schnittmuster und neuer hinterer Mitte ausmesse. Bei mir waren das 1,5cm. Jetzt wechsle ich auf die andere Seite, auf den rechten Überlappungspunkt an der Seitennaht (dieser liegt unterhalb des ersten Punktes, wegen unserer schrägen Überlappungslinie), und zeichne auf dieser Seite ebenfalls einen 1,5cm Punkt an. Diesen Punkt verwende ich dann, um mit einem Kurvenlineal eine neue Seitenlinie zu zeichnen. Diese verschmälert das Schnittmuster entlang der Seitennaht und gleicht damit die Verbreiterung an der hinteren Mitte aus.

Schritt 6: Rechter Winkel am Halsausschnitt und der Saumlinie sicherstellen

Um ganz sicher zu gehen, dass ich mein neues Schnittteil auch im Bruch zuschneiden kann, messe ich zu guter Letzt die Winkel an der oberen und unteren Kante der hinteren Mitte nochmal nach (Halsausschnitt und Saum). Diese Kanten müssen zwingend einen rechten Winkel aufweisen, denn sonst entsteht beim Zuschnitt im Bruch an dieser Stelle eine Kurve. In meinem Fall hat der Halsausschnitt gepasst, aber ich musste die Saumlinie noch etwas anpassen – auf dem Foto könnt ihr sehen, wie ich sie ausgehend vom rechten Winkel an der hinteren Mitte etwas nachgezeichnet habe.

Schritt 7: Neues Schnittteil ausprobieren und perfekt sitzendes Shirt/Kleid nähen!

Fertig ist unser neues Schnittteil! Ich habe es gleich nochmal auf etwas dickerem Schnittpapier nachgezeichnet, weil mein weißes Schnittpapier durch das ganze Auseinanderschneiden schon etwas in Mitleidenschaft gezogen war. Unten könnt ihr nochmal den Rücken meines angepassten Molly-Tops sehen – viel schöner als vorher!

Wie sind Eure Erfahrungen mit Hohlkreuzanpassungen? Habt ihr noch andere Tipps und Tricks? Hinterlasst mir gerne einen Kommentar, ich bin immer neugierig auf neue Techniken!

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20 Comments

  1. Hui, da hast Du echt nicht zu viel versprochen. Der Unterschied ist gravierend! (Obwohl für mich beide Schnittteile mehr oder weniger “gleich” aussehen. Spannend fände ich noch eine Überlagerung der Schnittmusterteile!
    VG, Anna

    1. Melanie

      Gute Idee, Anna! Das mit der Überlagerung mache ich das nächste Mal, wenn ich einen Schnitt anpasse und zeige es dann! Liebe Grüße, Melanie

  2. Bärbel

    Danke für dieses tolle Tutorial. Ich habe mich gerade wieder über ein nicht so gut sitzendes Shirt geärgert. Ich werde es gleich mal ausprobieren und hoffe, dass ich klar kommme. hast ja alles super erklärt!!!
    Lg Bärbel

  3. Katrin

    Die Mühe mit der Schnittanpassung hat sich gelohnt! Ich habe kein starkes Hohlkreuz, aber bei der nächsten Gelegenheit werde ich doch mal meine Rückansicht überprüfen… Wer weiß, vielleicht muss ich auch mal ran! Vielen Dank fürs Tutorial. LG Katrin

    1. Melanie

      Danke, Katrin! Viele Grüße, Melanie

  4. Petra

    Super, vielen Dank für die Anleitung. Da muss ich wohl schnell ein paar Shirts nähen..

  5. Herzlichen Dank für die tolle Anleitung! Das werde ich bestimmt ausprobieren.
    LG Birgit

  6. Katrin

    Danke für die Anleitung, die kann ich gut gebrauchen😊

  7. Toll erklärt, vielen Dank. Das braucht doch fast jeder – wer hat schon kein Hohlkreuz.
    LG
    Siebensachen

  8. Vielen Dank für dieses Tutorial! Das Hohlkreuz ist auch mein Problem, nun weiß ich endlich, wie ich ihm zu Leibe rücken kann …
    Liebe Grüße von Doro

  9. Ute

    Suuuper! Das kann ich auch gut gebrauchen! Werde ich ganz bald ausprobieren…
    LG Ute

  10. Priska

    Liebe Melanie,
    Vielen Dank für diese Anleitung, die ich unbedingt ausprobieren muss. Bisher habe ich immer zähneknirschend damit gelebt, dass meine Shirts hinten zu viel Stoff haben oder habe versucht, das etwas zu verbessern, indem ich das Rückenteil etwas stärker tailliert habe. Das brachte zwar eine Verbesserung, aber längst kein so gutes Resultat wie bei deinem Shirt.
    Herzliche Grüsse Priska

    1. Melanie

      Hallo Priska, ja, das ging mir auch lange so – und dann wird das Shirt häufig so eng, wenn man in der Taille wegnimmt…ich bin gespannt, ob die Methode hier deine Lösung wird :-)! Liebe Grüße Melanie

  11. Sabrina

    Hallo,
    schön, dass du für dich und deine Schnitte eine Lösung gefunden hast. Möchte eigentlich auch kein Moralapostel sein, aber besser als die Sm an dein “Hohlkreuz” anzupassen, wäre es für deinen Rücken und deine Gesundheit, wenn du was für deinen Rücken tust und was gegen dein “Hohlkreuz” unternimmst 😊

  12. Hey Melanie,
    vielen Dank, die Anleitung werde ich in jedem Fall mal ausprobieren.
    Vor allem bei Kleidern habe ich nämlich auch oft das Problem mit dem Hohlkreuz.
    Liebe Grüße,
    Jenny

  13. Hallo Melanie, tolle Beschreibung! Vielen Dank für deine Mühe 🙂 Ergänzend habe ich eine Frage: Wenn du die Seitennaht neu zeichnest, auf welcher Länge machst du das? Also wann triffst du wieder auf die “Originallinie”? Gehst du da im Verhältnis zur Schräge in der Bruchlinie vor? Das wäre bei einem Kleid dann ja fast über die gesamte Seitenlänge. Viele Grüße, Lesslie

    1. Melanie

      Hallo Lesslie, ich verwende für diesen Schritt ein Kurvenlineal und versuche den Verlauf der Original-Linie möglichst genau nachzubilden. Abschnitt 1 ist dann Armloch bis Taille, Abschnitt 2 dann Taille bis ungefähr Hüfte. Ich versuche, bei der Hüfte wieder auf die Originallinie zu gelangen, damit die Form des Kleidungsstücks möglichst nah erhalten bleibt. Da ich in der Regel zusätzlich auch immer auf eine Größe größer an der Hüfte gradiere, mache ich das dann in diesem Schritt gleich mit! Hoffe, das hilft – wenn nicht, kannst du mir gerne nochmal für Details schreiben! Liebe Grüße, Melanie

      1. Hallo Melanie, das hilft mir sehr, vielen Dank für deine Antwort 🙂 Liebe Grüße, Lesslie

  14. Susanne

    Guten Morgen, super Anleitung – vielen Dank! Klingt eigentlich logisch und vielversprechend. Zwei Fragen habe uch aber noch: kannst Du die drei Zentimeter auf jeden Schnitt übertragen oder musst Du immer erst ein Shirt „für die Tonne „ nöhen. Ich hab‘s nicht so mit Probeteilen …
    Außerdem habe ich gerade noch ein Vorstellungsproblem mit dem Saum. Die Saumkante verschiebt sich doch – also wird das Shirt zur Mitte hin kürzer!? Geht das dann auch mit geraden Säumen bzw. Streifenmzstern, ohne das sie schief aussehen? Vielleicht liegt‘s daran, dass ich mir in der Theorie das Messen zum Winkel zum Schluss noch nicht ganz vorstellen kann. Kannst Du mich „aufschlauen“?? Vielen Dank.

    1. Melanie

      Hallo Susanne, anbei die Antworten auf deine Fragen: Bei mir passen die 3cm in der Regel immer. Ich messe sicherheitshalber immer nochmal am Schnittmuster nach, auf welche Rückenlänge es ausgelegt ist und passe ggf. an. Aber meistens muss ich das nicht. Wichtig: Die 3cm sind meine Maße, es ist wichtig, dass du bei dir selbst schaust, wie viel du rausnehmen müsstest (bei meinem Shirt war die Rückenlänge bis zur Taille z.B. 41cm auf dem Schnitt, ich habe aber nur 38cm). Du hast recht, das Shirt wird zur Mitte hin kürzer. Aber das willst du ja auch, denn wenn du eine Hohlkreuzanpassung benötigst, dann ist auch dein Rücken kürzer. Die Saumkante bleibt also gleich, aber durch die Anpassung nimmst du den überschüssigen Stoff am Rücken raus (der sonst abstehen würde). Du kannst dir das ganze wie ein Abnäher vorstellen, mit dem du Stoff entfernst. Wenn du dir das mal ansteckst an einem angezogenen Teil, dann wirst du merken, dass der Saum an Ort und Stelle bleibt, obwohl du Stoff “wegsteckst”. Du kannst dir das Ganze in Streifen in meinem Beitrag mit dem gestreiften Molly Shirt anschauen (gib einfach das Schlagwort “Oberteil” in der Suche ein, dann findest du den Beitrag) – du siehst da, dass die Streifen trotzdem horizontal laufen, trotz Anpassung. Hoffe, das beantwortet deine Fragen – am besten probierst du es einfach mal aus! Liebe Grüße, Melanie

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