Nähen für mich

Wiesn-Zeit ist Dirndl-Zeit

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Hallo Ihr Lieben!

Es ist Ende September in München, und das kann nur eines bedeuten: Wiesn-Zeit! Der perfekte Anlass, Euch das Nähprojekt zu zeigen, auf das ich in meiner kurzen Näh-Karriere am stolzesten bin: mein erstes selbstgenähtes Dirndl! Als ich im Sommer 2015 mit dem Nähen begonnen habe, hatte ich recht schnell den Wunsch, mir ein eigenes Dirndl zu nähen – nicht einfach eine Dirndl-Schürze, nein, ein ganzes Dirndl sollte es sein! Ich habe mir also einen Kurs an der Volkshochschule ausgesucht und bin mit 5 Monaten Näh-Erfahrung und einer riesigen Portion Naivität in dieses Projekt gestartet…

Die Ernüchterung trat am ersten Kurstag ein: Ich hatte einen Trachtenkurs gebucht, in der Annahme, dass wir alle gemeinsam ein Dirndl nähen würden. Als ich ankam, habe ich aber festgestellt, dass alle Teilnehmer außer mir den Kurs seit Jahren dauerhaft belegen, alle ihre bereits im Vor-Semester angefangenen Trachtenprojekte dabei hatten und mit jahrelanger Näh-Erfahrung auch schon fleißig am Werkeln waren. Ähhhhh….. Die Kursleiterin hat meine Verwirrung rasch bemerkt und mir erstmal einen Stapel Zeitschriften in die Hand gedrückt. Daraus sollte ich den Typ Dirndl aussuchen, den ich gerne nähen wollte. Jetzt war ich noch mehr verwirrt, denn es handelte sich nicht um Schnittmuster-Zeitschriften, sondern um Kataloge von Trachtenherstellern! Aber ich tat, was man mir sagte und suchte einen ganz traditionellen Dirndl-Schnitt aus.

Und für dieses Dirndl haben wir den Schnitt dann mit Hilfe von Grundschnitt-Blöcken konstruiert. Ich sage „wir“, denn ich hatte keine Ahnung, was ich da tue – aber die Kursleiterin hat mich aus meiner Misere gerettet. Wie sich herausstellte, ist sie eine sehr erfahrene Trachten-Schneiderin, die eine traditionelle Schneiderausbildung hat und auch sehr viel Wert darauf legt, dass die Dirndl in ihrem Kurs „richtig“ genäht werden. Als ich ihr sagte, dass ich gerne einen Reißverschluss hätte, hat sie mich fast rausgeschmissen! (Für alle, die das wie ich nicht wussten: in der traditionellen Tracht sind Reißverschlüsse verpönt, Haken und Ösen sind der „richtige“ Verschluss) Das Ganze war für mich zwar sehr gewöhnungsbedürftig, aber ich habe super viel über Näh-Grundlagen und über „traditionelle“ Trachten-Techniken gelernt, die ich mir sonst nie angeeignet hätte. So habe ich das Futter von meinem Oberteil erst komplett per Hand geheftet und anschließend das ganze Teil maschinengeheftet. Im Kurs wurde das Ganze dann nochmal mit Hilfe der Leiterin genau auf meine Figur angepasst. Ein Dirndl muss ja knall-eng sitzen, das hätte ich alleine so nie hingekriegt. Um den Schwierigkeitsgrad zu erhöhen, wollte ich gerne auch noch Paspeln in allen Teilungsnähten haben – auch die habe ich also brav von Hand geheftet, bevor ich sie mit der Maschinen eingenäht habe.

Und alle Nahtzugaben und der Ausschnitt wurden ebenfalls mit der Hand versäubert. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das gerne nochmal so machen würde – da geht schon wahnsinnig viel Zeit drauf, und die Finger sind auch recht zerstochen – aber das Endergebnis ist einfach klasse. Bevor ich 24 Haken und Ösen (natürlich per Hand) angenäht habe (Reißverschluss durfte ich ja keinen haben ;-)), wurde noch der Rock fertiggestellt. Dazu habe ich einfach zwei Stoffbahnen aneinander genäht und dann per Faltenlegung an meinen Taillenumfang angepasst. Insgesamt habe ich so fast 3m Breite verarbeitet. Ein tolles Tragegefühl – aber ein Horror, wenn man den Saum (ihr ahnt es) per Hand verarbeitet! Ich hab drei Folgen „House of Cards“ lang gesäumt…

Nach so viel Handarbeit hat mich irgendwann die Motivation verlassen… Ich wollte unbedingt noch „Froschgoscherl“ am Ausschnitt haben (für alle Nicht-Bayern: das sind die „Rüschen“ an der Ausschnittlinie vom Dirndl), und die Kursleiterin hatte mir auch gezeigt, wie man diese herstellt. Natürlich wieder von Hand, aber da hatte ich einfach keine Lust mehr drauf. Ich habe also geschummelt und habe mir ein Internet-Tutorial rausgesucht, wie man die Froschgoscherl mit der Maschine nähen kann. Ist zwar immer noch etwas Handarbeit involviert, weil man die einzelnen Rüschen „hochbinden“ muss, aber der ganze Rest geht viel schneller. Und das End-Ergebnis gefällt mir eigentlich auch besser als die traditionellen Goscherl – ganz so ernst muss man ja das Trachten-Tragen auch nicht nehmen!

In Summe habe ich fast fünf Monate an meinem Dirndl gearbeitet – ich hätte das vermutlich nicht angefangen, wenn ich gewusst hätte, wie aufwändig ein „richtiges“ Dirndl ist. Aber jetzt bin ich super stolz auf das Ergebnis, und auch sehr froh, dass ich all diese Techniken gelernt habe! Standesgemäß wollte ich die Fotos eigentlich vor einer Alpen-Kulisse machen und habe das Dirndl extra in den Kurzurlaub nach Südtirol mitgenommen. Dort angekommen, habe ich leider bemerkt, dass ich die Kette vergessen hatte. Also doch wieder Fotos am heimischen See. Dieses Mal hatte ich allerdings meine Schuhe vergessen 😉 – also Barfuß-Fotos ohne Berge. Dafür habe ich Euch aber noch ein Berg-Foto aus Südtirol mitgebracht, siehe unten! Weil es sich beim Dirndl nicht um einen gekauften Schnitt handelt, entfällt da Flying Needle-Nähblog-Fazit diesmal. Stattdessen: Hinterlasst gerne einen Kommentar zu dem Näh-Projekt, auf das ihr am stolzesten seid! Ich bin neugierig! 

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20 Comments

  1. Boah, was ein aufwendiges Teil! Sitzt aber wirklich perfekt und steht dir echt sehr gut! So eine Kursleiterin hätte ich glaube ich auch mal gerne. Ich würde total gerne auch Kleider nach einer Vorlage im Katalog nähen können. Das muss ja lernbar sein… Du bringst mich auf Gedanken… Außerdem muss man mich auch zu Handnähten zwingen, ist aber echt auch mal nicht do schlecht! Also wirklich ein tolles Projekt und die Fotos sind auch so sehr schön!
    Liebe Grüße
    Katharina

    1. Melanie

      Liebe Katharina, danke dir! Ich stell demnächst ein Buch auf dem Blog vor, mit dem man Grundschnitte selbst erzeugen kann, ich finde es super – vielleicht ist das auch was für dich 😉 Liebe Grüße, Melanie

  2. Das ist ja der Wahnsinn!! Also bei den Froschgoscherln kann ich dich verstehen, haha….eigentlich wollte ich die auch selbst machen, aber habe dann ganz drauf verzichtet…aber es sieht schon schöner aus mit!!
    Ein richtig tolles Teil hast du dir da genäht!! Für die Ewigkeit:o)
    Glg Kirsten

  3. Wow, was für ein Aufwand! Aber der hat sich definitiv gelohnt. Dein Dirndl ist sehr, sehr schön geworden.

    LG
    Steffi

    1. Melanie

      Liebe Steffi, vielen Dank! Liebe Grüße, Melanie

  4. Ganz große Klasse! So ein aufwändiges Projekt in einem Kurs mit anderen zusammen zu nähen ist sicher hilfreich für die Motivation. Auf jeden Fall hat sich das Durchhalten gelohnt, du siehst zauberhaft aus in deinem Dirndl! Und die Fotos am See sind wie immer wunderbar.

    LG Nicole

  5. Ja wahnsinn! Ich gratuliere zum erfolgreichen Projekt! Da hast Du echt Durchhaltevermögen bewiesen und kannst zurecht unglaublich stolz auf das Ergebenis sein. Soo, soo wunderschön! Wundervolle Fotos obendrein.
    Mein schwierigstes NÄhprojekt war ein Mantel für eine Kollegin, für den ich den Schnitt von einem alten Exemplar abgenommen hatte. Nähtechnisch war es zwar nicht so schwer aber die Logistik mit anprobieren, abstecken und dazu ein sehr empfindlicher Stoff – da war ich sehr froh, als es fertig war. LG Kuestensocke

    1. Melanie

      Wow, du bist eine sehr nette Kollegin! Ich nähe nur für meinen Mann und maximal noch für meine Schwester, ansonsten bin ich eine ganz selbstsüchtige Näherin 🙂 Liebe Grüße, Melanie

  6. Unglaublich, die ganze Zeit als ich gelesen habe dachte ich: „Wie lange sie da wohl dran gesessen hat?“. Fünf Monate? Ich bewundere dein Durchhaltevermögen. Aber das Dirndl sieht wirklich wunderschön aus. Und es sitzt perfekt! Ich muss zugeben, ich säume wirklich gern von Hand, weil ich dabei ganz entspannt Serien schauen kann. Aber Nahtzugaben von Hand versäubern? Ich glaube, da wäre ich geflüchtet!
    Das Projekt auf das ich am meisten stolz bin, hmm, ich glaube das ist tatsächlich mein Boucle-Monster. Weil der Stoff einfach so schwer zu bändigen war und ich es doch irgendwie hinbekommen habe.
    Liebste Grüße,
    Steffi

  7. Ich bin sehr beeindruckt. Hier braucht man zwar kein Dirndl, aber wenn ich noch in. München wäre, würde ich mir auch eins nähen wollen. Da ist es nicht albern, darin herum zu laufen. Ich melde schwierige Projekte, das Castelbajac Kleid aus der Burda hatte es in sich, aber nur, weil die Anleitung schwierig zu verstehen war. LG Anja

  8. Was für eine schöne Geschichte! Du hast ein sehr kompliziertes Nähprojekt meisterhaft gemeistert, da kann man zurecht stolz auf das Ergebnis sein. Das Dirndl sieht wunderschön aus und passt und steht dir ausgezeichnet! Ganz sicher hast du viele Komplimente dafür bekommen.
    LG Yvonne

  9. ein wirklicher hingucker. perfekt für die Wiesn. gefällt mir echt gut

  10. Ein tolles Dirndl und so großartig gearbeitet. Herzlichen Glückwunsch dazu. Gruß Mema

  11. Ina

    So ein zauberhaftes Teil und Dein Näh-Roman dazu – herrlich. Ich ziehe meinen Hut vor so viel Geduld, Ausdauer und Akkuratesse. Und es passt so perfekt, Du siehst wunderschön darin aus.
    LG Ina

    1. Melanie

      Liebe Ina, ganz lieben Dank für deinen netten Kommentar!

  12. Hachja Dirndl und Purismus. Ich denke man muss es nicht ganz so streng sehen. Der viele Aufwand hat sich auf jeden Fall gelohnt. Sieht super und steht dir auch sehr gut.
    Lg Sabine

  13. Ich bin ja an für sich überhaupt nicht der Trachten-Typ und erst recht kein Dirndl-Typ, aber dein Dirndl ist wirklich superklasse!!! So ein aufwändiges Stück mit so viel Handarbeit! Ich bin echt begeistert!
    LG Amely

    1. Melanie

      Liebe Amely, vielen Dank! Ein besonders schönes Kompliment, wenn du eigentlich keine Dirndl magst!

  14. Sybille

    Super tolles Dirndl. Viel Handarbeit gehört dazu, allerdings verstehe ich nicht, weshalb man die Nahtzugaben mit der Hand versäubern muss. Das so viel Handarbeit seine Zeit braucht, ist verständlich. Ich hätte sicherlich noch länger benötigt.

    1. Melanie

      Liebe Sybille, danke fürs Kompliment! Die Nahtzugaben innen werden um das Paspelband gefaltet (im Oberteil) und dann per Hand festgenäht. Daher die viele Handarbeit – die Nahtzugaben im Rock habe ich einfach mit Zickzackstich versäubert :-)!

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